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BEIFAHRERFLUCHT

Friedrich, lass uns mal wieder an die Ostsee fahren.
Zwei Stunden später heizen wir mit seinem Opel Kadett, wie Bundeswehr-Soldaten am Freitagnachmittag nach Hause, nur nicht nach Hause, sondern ganz im Gegenteil. Wir wollen ans Meer, die Sonne sehen, die uns jetzt schon in den Augen brennt. Das Meer mal wieder hören und vielleicht auch anfassen und Salz über die Pommes und riechen wollen wir es, das Salz im Meer. Der Schweiß fließt uns den Nacken runter und wir fahren die Flüsse rauf, die runter fließen, Richtung Küste. Nichts hält uns fest, die Haare voller Wind bei heruntergekurbelten Fenstern.
Die Kurve hier, kannst du mit 150 Sachen nehmen, sagt Friedrich, während wir am Tempo-80-Schild vorbeibrettern, reine Mathematik, sagt er, das ist reine Mathematik.
Er hat ’ne Zigarette im Mundwinkel und raucht sie, ohne anfassen, bis zum Schluss. Sein rechtes Auge zuckt und tränt. Asche liegt auf seinem Bein, das – halb in Shorts, halb nackt mit ein paar Haaren–das Gaspedal durchdrückt. Auf der Rückbank sitzen zwei angeschnallte Ruck- und Schlafsäcke, weil Friedrich 100 Kilo Zeitungen im Kofferraum deponiert, die er nie lesen wird.
Schüler-Abo, sagt er, da sparst du die Hälfte.
Er ist ein wahnsinniger Idiot.
Kannst du mal anhalten, ich muss pissen?
Mal sehen, weißt du eigentlich, wo wir lang müssen?
Zum Parkplatz oder was?
Nee, zum Meer.
Nee, du fährst doch.
Und was machst du?

Wir fahren ab, halten in ’ner Parkbucht. Friedrich steigt aus, springt über die Motorhaube, rennt mir nach, wie ein Wahnsinniger, fuchtelt mit den Armen. Als er mich eingeholt hat, zieht er mir die Beine weg, und wir prügeln uns im Gras, während Oma und Opa an ’nem Holztisch Kaffee trinken. Wir lachen uns tot und beschließen, dass es zu spät ist jetzt noch auf die Karte zu schauen.
’ne gute Viertelstunde den Fluss rauf, grinst’n Mädchen, die ist vielleicht 16, von der Rückbank des Passats neben uns. Wir überholen so langsam mit dem Kadett, können uns ’ne gefühlte Ewigkeit in die Augen sehen und anlächeln, als wären wir beide verschossen bis über beide Ohren. Ich sag’ Friedrich, er soll das Tempo halten. Er fängt an zu lachen und sagt, dass der Passat ihm keine andere Wahl lässt.
Lass den Mal neben dir.
Von hinten kommt was mit Lichthupe.
Mir scheißegal, lass den, der hat Bremsen

Die Kleine guckt immer noch rüber. Der Typ hinter uns hupt und ich will mich eigentlich umdrehen.
Friedrich, ramm’ den Passat, bitte.
Friedrich, dem der Schweiß in Perlen auf der Stirn stehen muss, ist gefangen zwischen Passat und Drängler, kommt vorne nicht vorbei, nur mühsam, während ich den Kopf – mühsam – immer mehr nach hinten drehen muss um den Blickkontakt nicht zu verlieren.
Du blöder Vollidiot, ich ramm’ den doch nicht.
Du blöder Vollidiot, ich seh’ die Kleine nie mehr wieder.
Was? Welche Kleine?

Friedrich dreht sich um, während ich dem mit geballten Fäusten winkenden Drängler in die Wutfresse sehe, was mir komplett den Stecker zieht.
Fahr mal hier runter, ich glaub, den Rest müssen wir über Land.
Friedrich fährt ab, steht an der ersten Ampel und verkackt das Anfahren gehörig. Erst lässt er den Kadett absaufen, der ’nen Satz nach vorne macht, dann drückt er, wie auf Drogen und der Flucht, das Gaspedal auf Anschlag. Die Räder drehen durch, wie 16jährige in der Kinderdisko, und wir fahren ’ne gefühlte Ewigkeit auf der Stelle, bevor wir mit quietschenden Reifen über die Kreuzung schießen, während das Heck hin und her schleudert, wie der Arsch von Katrin Sackmeyer aus der 12 b auf der Abi-Party letztes Jahr. Friedrich brüllt rum und ich lache mich tot mit Tränen in den Augen.
Du blöder Spacken. Deine Mutter fährt besser Auto, als du.
Friedrich boxt mir mit einer Frequenz auf den Oberarm, wie ein Schlagzeuger einarmig auf das Ride-Becken trommelt. Im nächsten Augenblick hält die Polizei uns an. Bitte Folgen, rechts ran, Trallala. Ein Fettsack und ’ne Brünette mit Polizeimütze stehen neben der Fahrertür und wollen Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen.
Was lachen sie denn so? fragt mich der Bulle.
Nichts, sag ich. Danach muss Friedrich, dem das sichtlich unangenehm ist, aussteigen, was ich einfach auch tue. Der Fette brüllt mich an.
Hey, wo wollen sie hin? Setzen sie sich gefälligst wieder rein.
Ich duck’ mich und spring wieder in den Kadett, bevor Schüsse fallen. Friedrich kann sich ein Lachen nicht verkneifen.
Sie finden das wohl äußerst witzig, machen sie mal den Kofferraum auf, sagt der Fettsack, wollen uns mal Warndreieck und Erste Hilfe Kasten ansehen.
Friedrich öffnet den Kofferraum und fängt an in seinen Zeitungen zu wühlen, während ich kaum was erkennen kann. Er kommt wortlos zurück – während die Bullen im Seitenspiegel immer kleiner werden – knüllt den Strafzettel in die Tür und wartet, dass der Fettsack und seine stumme Kollegin vorbeifahren. Wir grüßen mit gespielter Freundlichkeit, als hinter der Bullerei der Passat mit der Kleinen an uns vorbeirollt.
Hinterher, brüll ich Friedrich an, die hat uns nicht gesehen. Wir verfolgen die jetzt.
Die Zigarette wieder im Mundwinkel, startet Friedrich den Kadett – du zahlst die Hälfte von der Scheiße – und wir nehmen die Verfolgung auf.
Friedrich fährt so nah hinten drauf, wie beim Steherrennen. Ich kann ihren Hinterkopf schon sehen.
Fahr der nicht hinten rein, du Spacken.
Friedrich lacht, wie ’n Idiot.
Deine Eltern müssen Behindert sein, du bist echt was Besonderes.
Du bist behindert.
Nach ’ner Viertelstunde Verfolgung biegen wir hinter dem Passat auf ’nen Campingplatz ein, direkt am Meer, nur ’n Deich dazwischen.
Das ist Schicksal. Leck’ mich am Arsch, Friedrich.
Und ich soll dem Vadder die Mudder ausspannen oder was, du Spacken?

Wir parken den Kadett direkt neben dem Passat und ich lächle der Kleinen schon wieder durch die Scheibe ins Gesicht.
Laber jetzt bloß keine Scheiße, Friedrich.
Ja, ja, mach du nur, ich geh dann schon mal vor.

Ich öffne die Tür, während Friedrich irgendwas auf dem Rücksitz kramt. Die Kleine und ihre Eltern steigen aus dem Passat und schauen zu mir rüber. Der Vater ruft.
Hat euch nicht vorhin die Polizei angehalten?
Ja, ja, Routine-Kontrolle, junge Leute und so.

Die Kleine lacht, während die Autotür aufschwingt – irgendwie niedlich. Ihre rechte Schulter hängt ein bisschen tiefer als die Linke.
Komm Elsa, ruft die Mutter, wir gehen erstmal zum Platzwart.
Wir verabschieden uns und sie schlurft ihrer Mutter hinterher, gefolgt vom Vater. Friedrich winkt über’s Autodach.
Wir haben die scheiß Handtücher vergessen.
Die ist voll süß, Alter.
Bist du blind man, die ist ’ne Halbseitenspastikerin oder so. Hast du das nicht gesehen? Der hängt der ganze Arm runter und die hebt den rechten Fuß nicht richtig.
Erzähl keine Scheiße!

Friedrich holt ’n paar Zeitungen aus dem Kofferraum und wir gehen zum Strand.
Gib mir mal ’ne Kippe.
Wir sitzen – Friedrich im Dossier, ich im Feuilleton –auf ’ner Düne und riechen das Salz, die Sonne im Gesicht, während der Rauch unsichtbar landeinwärts zieht. Nur die Pommes fehlen noch. Wortlos glotzen wir bestimmt ’ne Stunde auf den Horizont und wäre da nicht dieses Überholmanöver auf der Autobahn gewesen, wäre das jetzt sicher der schönste Moment des Tages.
Nachdem wir das Zelt aufgebaut und geduscht haben, sich die Schatten schon, wie Kaugummi, über den Rasen ziehen, kommt Elsa zum Auto ihrer Eltern. Der Passat blinkt, während sich die Türen entriegeln, und taucht alles für ’ne Sekunde in ein diffuses Licht.
Hallo.
Elsa lächelt mich an, wirkt aber irgendwie verkniffen.
Hey.
Wo sind deine Eltern?
Die essen noch drinnen und spielen Karten.
Ist alles okay bei dir?

Sie zögert ein Sekunde.
Ja, alles gut.
Trinkst du ’n Bier mit?
Ja, gut.

Ich hole zwei aus meinem Rucksack, der immer noch angeschnallt auf dem Rücksitz steht, wie ein stummer Freund. Friedrich sitzt auf dem Fahrersitz und nickt Elsa zu, die Füße auf dem Armaturenbrett.
Ich geh ’ne Runde mit ihr, ja?
Friedrich nickt.
Hast du auch ’ne Zigarette? fragt sie und nippt am Bier.
Ja, klar. Wie alt bist du eigentlich?
18. lügt sie.
Während wir in den Dünen sitzen und der Brandung zuhören, beleuchtet sie nur die Glut der Zigarette, bei jedem Zug ein bisschen mehr. Ich kann kaum was sehen, nehme ihr die Kippe aus der Hand und küsse sie blind auf den Mund, der dabei zu lächeln scheint. Wir liegen auf der Seite und sehen in die Dunkelheit – uns an – minutenlang und ohne Worte. Erst auf dem Rückweg merke ich, dass Friedrich Recht hatte.
Am nächsten Morgen fahren wir ganz früh zurück, sitzen ’ne ganze Weile stumm im Auto.
Ich hab dir doch gesagt, dass sie behindert ist.
Deine Mudder ist behindert

Er lacht, während ihm die Asche auf die Hose fällt.
Soll ich umdrehen? fragt er; und ich höre das noch heute, wie er das so sagt mit der Kippe im Mundwinkel, den Blick auf die Straße. Wie er langsam den Kopf zu mir dreht – auf einmal völlig ernst – und mich fragend ansieht. Wie lächerlich er aussieht, beide Hände am Lenkrad, den Stummel im Maul mit einem weinenden Auge.
Soll ich umdrehen?
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